In den Wirren der beginnenden Wirtschaftskrise wird mit Worten wie “sozial”, “Verantwortung” “Ethik” und anderen schwergewichtigen Begriffen hantiert. Begriffe werden neu definiert, der politische Neusprech nimmt immer abstrusere Formen an. Da sich Wahlkämpfe nicht alleine mit der Wirtschaftskrise bestreiten lassen taucht gelegentlich auch wieder der Begriff der Leitkultur auf. Der Zusammenhang zwischen wirtschaftlichem Neusprech und dem Begriff einer Kultur erscheint mir inzwischen allerdings keineswegs oberflächlich und zufällig. Dem tieferen Zusammenhang möchte ich mit diesem Beitrag nachgehen. Meine These lautet, dass “eine staatstragende Kultur” im wiedervereinigten Deutschland weitgehend verloren gegangen ist und zunehmend durch die “Kultur des Homo Consumentis” ersetzt wird.
Über die Definition einer Kultur habe ich bereits an anderer Stelle geschrieben.1.
Zusammengefasst ist eine Kultur ein System von Konzepten, die sich mit folgenden – immer tiefer gehenden – Begriffen versehen lassen: Symbole, Rituale, Helden, Werte und Normen sowie Grundannahmen.
Eine Kultur ist zudem gruppenspezifisch und stellt gewissermaßen einen Konsens bzgl. der genannten “Überschriften” dar. Ausgehend von der Kultur einer großen Gruppe wie zum Beispiel einer Landesbevölkerung bilden sich Subkulturen, die Aspekte der Kultur der größeren Gruppe erben. Bedauerlicherweise sind die entstehenden Subkulturen oft nicht kompatibel zur Herkunftskultur was letztendlich zu inneren Widersprüchen bei den Betroffenen führt. In derartigen Betrachtungen wird davon ausgegangen, dass eine gemeinsame Kultur der großen Gruppe existiert. Diese gemeinsame Kultur könnte, wenn sie auf einem hinreichend großen Konsens beruht, als Leitkultur bezeichnet werden. Ich möchte nun ein Gedankenexperiment durchführen und versuchen auf Basis der oben genannten Begriffe eine konkrete Kultur unseres Landes zu beschreiben.
(K)eine gemeinsame Kultur?
Symbole … sichtbare konsensfähige Symbole und Rituale, sind zwischenzeitlich auf den Händedruck reduziert. Trachten, rituelle Kleidungen, Uniformen, Kopfbedeckungen, weitere Begrüßungsrituale, religiöse Observanzen und weitere Aspekte, die sich hier zuordnen ließen sind zu Erkennungszeichen von Untergrupen geworden. Hier hat eine starke Fragmentierung stattgefunden. Diese scheinbare Pluralität wird gelegentlich als Ausdruck einer multikulturellen Gesellschaft gedeutet. Multikulturell bedeutet m.E. jedoch, dass auch in den tieferen Schichten der Kultur eine widerspruchsarme Pluralität existiert. Dass dem nicht so ist wird im nächsten Abschnitt deutlich.
Helden … was sind deutsche Helden? Auch die Worte Idol oder Vorbild könnten hier ins Spiel gebracht werden. Ist Bismarck ein deutscher Held? Was ist mit Friedrich Schiller, Johann Wolfgang von Goethe, Karl Marx, Albert Einstein, Willi Brandt, Konrad Adenauer, Sophie Scholl, Lise Meitner, Otto Hahn, Helmut Kohl, Wolfgang Amadeus Mozart, Johann Sebastian Bach, Roland Koch, Fritz Walter, Immanuel Kant, Heinrich Böll, Berthold Brecht, Konrad Adenauer, Friedrich Spee?. Was ist mit den Ideen und Ansichten dieser Menschen? Könnte sich ein nennenswerter Teil der Bevölkerung auf eine Auswahl solcher Helden einigen. Ich denke nein. Derartige Helden taugen heute nichts mehr, sie sind abgelöst von der alles durchdringenden Prominenten-Berichterstattung. Helden kommen und gehen, wenn einer gegangen ist, wird der nächste aufgebaut. Promi-Shows, Promi-Ranking, die unzählbaren, Mann-, Frau-, Manager-, Politiker-, Sportler-des Jahres Wahlen, hier werden die Helden der heutigen Zeit gemacht. Langfristige Helden gibt es nicht mehr.
Werte, Normen, Grundannahme … Ich möchte diese Aspekte zusammenfassen. Die Geschichte Deutschlands in den letzten 60 Jahren hat hier ein Trümmerfeld hinterlassen. Die von der Naziherrschaft verstärkten rassistisch, faschistischen Grundannahmen habe zuvor verhandene Grundwerte weitgehend zerstört. Die faschistischen wurden durch nichts tragfähiges ersetzt. Die zwei in Deutschland durchgeführten Staatsformexperimente widersprechen sich, die geplante gemeinsame Verfassung wurde nicht erstellt. Man könnte sagen das Grundgesetz stellt immerhin einen Grundwert dar. Dem spricht entgegen, dass die Legislative inzwischen sehr oft gegen das GG verstößt und die Verfassungsbeschwerde mittlerweile zur Regel wird. Aus der großen Zahl der Verfassungsbeschwerden leite ich ab, dass der Konsens was das GG bedeutet geringer wird.
Die Homo Consumentis Kultur
Wir haben ein Problem. Eine Kultur ist eine wichtige Angelegenheit, die für die Identitätsfindung der Menschen wichtig ist. An die Stelle der Kulturtrümmer, die ich oben beschrieben habe, ist eine neue Kultur getreten. Die oberste Schicht ist die Multikulti-alles-ist-möglich-Option. Die Heldensicht bedarf einer eingehenderen Betrachtung. Die Medien-Helden, die uns von Plakatwänden, Artikeln, Fernsehspots, Shows entgegen lächeln haben eines gemeinsam: Sie sind wirtschaftlich erfolgreich. Sie konsumieren, können sich das was sie sich wünschen, stets und sofort leisten. Die schnelle spontane Bedürfnisbefriedigung duch aktiven Konsum – das ist es was die Helden können. Ein Selbsterhaltungsmechanismus jeder Gesellschaft ist die Bereitstellung von “Helden-Nacheiferungs-Optionen” deshalb gibt es heute für jedes Produkt eine Billig-Variante. Das “Geiz ist …” Prinzip bedient das Bedürfnis sich immer und schnell etwas leisten zu können, und wenn die Kohle im Moment wirklich nicht reicht gibt es die Option des Kedits.
Inzwischen sind wir bei den tieferen Kultur-Ebenen angekommen. Die tiefliegenden Annahmen der “Homo Consumentis Kultur” sind die folgenden:
- ich konsumiere also bin ich
- Wert ist zählbar
- mehr Geld bedeutet mehr Wert
- Wachstum ist gut
und diese Prinzipien sind klammheimlich zum Konsens unserer Gesellschaft geworden. Die Spirale ist hier schon eingebaut, Steigerung, Wachstum, neuer Konsum. Ein jeder mag sich selbst überlegen ob und wie lange das noch funktionieren kann.
Kultur und Identität
Kultur hängt eng mit dem Gefühl der Gruppenzugehörigkeit zusammen. Wenn die Zugehörigkeit nicht mehr gespürt wird, zerbröckelt die Identität. Wenn die Identität zerbricht, kommt die Option der Selbstzerstörung ins Spiel. Es gibt Menschen, die in Depression rutschen, weil sie in dieser irrwitzigen Spirale nicht mehr mitdrehen können … das ist der unmenschliche Kern dieser Kultur. Ich sehe den Fall des Arbeitslosen, der im letzten Jahr auf seinem Hochsitz den langsamen Suizid gewählt hat vergleichbar mit dem des Unternehmers an, der sich vor den Zug geworfen hat. Beide sind von der Kultur zerrieben worden, sicherlich auf einer anderen Windung der Spirale – der Mechanismus ist für mich der gleiche.
und wie weiter … ich lehne diese “Kultur” ab, wünsche mir eine andere und werde in den nächsten Wochen auf Basis dieser Gedanken versuchen einen konkreten “kulturellen Gegenentwurf” in Briefform zu schreiben, den ich angesichts der bevorstehenden Wahlen zur Kommunikation mit Abgeordneten verwenden werde.

diese zusammenfassung war und ist überfällig.
ich würde noch tiefer gehen und sagen
ich konsumier Luxusgüter also bin ich.
die anderen sind Peanuts.
auch in Österreich entwickelt sich eine Unkultur par excellance.
@Klaus … danke
@weltbeobachterin … diese UN-Kultur verbreitet sich weltweit, das ist DIE Kultur, die hinter der “Globalisierung” steckt
Ich stimme Klaus zu, diese Zusammenfassung ist nicht nur überfällig, sie ist präzise formuliert und zutreffend.
Einen Aspekt möchte ich jedoch noch hinzufügen. Eine Kultur verbindet nicht nur nach innen, sie grenzt auch nach außen ab. Man hat es nicht vermocht die herrschende Abgrenzung von überlegener und “unwerter” Kultur in eine wertneutrale Abgrenzung von “unsere Kultur” und “andere Kultur” zu transformieren.
Die nazionalsozialistische Kultur war so allumfassend verdammenswert, dass aus ihren Wurzeln nichts neues entstehen durfte. Alles was als Wahrzeichen, Idol oder Idee für eine Kultur hätte dienen können ist in der Nazi-Zeit in perverser Art zur Unterstützung derer Ideen missbraucht worden. So stand nach dem Krieg nichts identitätsstiftendes mehr zu Verfügung.
Konsum als kulturtragendes Element kann keine Lösung bieten, da es im Konsum keine Elemente gibt, die die Individuen verbinden.
@bravo56 … danke für Deine Ergänzung, den Abgrenzungsgedanken hatte ich vergessen. In einr stabilen, identitätsstiftenden Kultur, befinden sich die nach innen wirkende Identitätsstiftung und die nach außen wirksame Abgrenzung in einem gewissen Gleichgewicht. Die fehlende Identitätstiftung der Consumentis Kultur zeigt sich vielleicht auch gerade in der sehr starken Ausgrenzung der nicht konsumierenden … ich denk eich werde den Artikel nochmal überarbeiten
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Ich möchte auf einen interessanter Bericht hinweisen:
Die Religion des Marktes:
http://www.buddhanetz.org/texte/marktreligion.htm
@bravo56: Bitte schaue tiefer und bleibe nicht bei den Verbrechen der Nazis stehen. Warum hatte Rom damals Hitler nicht exkommuniziert und hebt heute die Exkommunikation eines Holocaust-Leugners auf? (Aus welchem Land kommt der heutige Papst? Und wann wurde er geboren?). Was hälst du von Martin Luthers 7 Punkte Programm zur Judenverfolgung? http://www.kirchenopfer.de/moerderischewurzeln/martinluther/index.html
War Hitler ein “Raubkopierer”? Einer der sich an “fremden geistigen Eigentum” vergriffen hat? Ja, in sehr großem Maßstab. Ich empfehle auch den folgenden Text http://ad-sinistram.blogspot.com/2008/12/hitler-als-vorlufer.html Die Fragen und Hinweise liessen sich beliebig fortsetzen.
@G.G.
Mein Hinweis auf die nationalsozialistische Diktatur diente alleine dazu, darauf hinzuweisen, dass die kulturellen Wurzeln der Deutschen aus den o.g. Gründen gekappt worden sind. Deinen Kommentar sehe ich daher als off topic.
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ich bin via Tillas Tweet hierher gekommen. Das sind interessante Gedankengänge. Nur: War eine “staatstragende Kultur” nicht schon immer nur eine “idealistische Sicht der Dinge eines wie auch immer gearteten Mittelstandes”? Mit dem Zerbröseln dieser Schicht zerbröselt auch diese “Kultur”? Was war denn früher Sinn stiftend? Die Religion, die Staatskirche, die seit Luther aber auch gespalten war? Der Leibeigene hatte bestimmt eine andere Kultur, als sein Herr. Der Lohnabhängige im Reiche Bismarks auch eine andere als ein Universitätsprofessor.
Wer kannte in der Breite die oben benannten “deutsche Helden” wirklich? Welche Bildung musste man dazu haben und welche heute?
Nur so als Einwurf zum nachdenken!
Hallo Mikel, dann erst mal willkommen hier und danke für die Auseinandersetzung mit dem Text. Du hat mit Deinem Einwand natürlich recht. “Deutschland” ist kulturell schon länger (oder schon immer?) eine Trümmerlandschaft. In vielen anderen Ländern ist das deutlich anders. Wenn man in Frankreich nach Grundwerten fragt wird man von vielen Menschen hören “egalite, liberte, fraternite” eine vergleichbare Formel gibt es bei uns nicht. In den USA gibt es die “bill of rights” … ob die Kultur gelebt wird ist nochmal etwas anderes
. Hast Du die Antrittsrede von Barack Obama gehört, die war randvoll von kultureller Symbolik (Helden, Geschichten, Werte). Hier bei uns könnte der beste Redenschreiber nichts vergleichbares schreiben :-/
Zur Religion … *hmmm … die war vor mehr als 100 Jahren vielleicht tatsächlich sinnstiftend – ob sich die Menschen darin wohlgefühlt haben wage ich zu bezweifeln, es könnte aber ein Gefühl von Sicherheit und Heimat geliefert haben.
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